Antirassismus und du

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© Rachel Henning via Unsplash © Rachel Henning via Unsplash

Die vergangenen Tage standen für viele Menschen rund um den Globus ganz im Zeichen von Antirassismus. Ausgelöst durch die großen Demonstrationen und Ausschreitungen in den USA, die auf den gewaltsamen Tod von George Floyd durch Polizisten vor etwa zwei Wochen folgten, kam die Welle der Anteilnahme und medialen Sichtbarkeit auch zu uns nach Österreich – vor allem über die sozialen Medien.

Am #blackouttuesday vergangenen Dienstag wurde das Thema für eine breite Masse auf Instagram sichtbar – in Form von schwarzen Bildern und dem breit verwendeten Hashtag #blacklivesmatter. Viele Menschen wollten Anteil nehmen und ihre Solidarität mit Betroffenen signalisieren. Natürlich ist es einfach, in sozialen Kanälen „mit der Welle“ zu schwimmen. Viele kritisierten aber auch, dass „gut gemeint“ keineswegs immer auch wirklich „gut“ ist: Der von der Community verwendete Hashtag, ursprünglich gedacht zur Informationsweitergabe für von Rassismus betroffenen Menschen, wurde regelrecht überschwemmt von den gut gemeinten Postings der Massen. Das Thema wurde flächendeckend annektiert, also auch von denjenigen übernommen, die Rassismus selbst noch nie erfahren haben.

So schnell kann es gehen, dass strukturelle Benachteiligungen von Minderheiten in unserer Gesellschaften weiter fortgesetzt werden, ohne dies vielleicht zu beabsichtigen – und dieses Thema betrifft nicht nur die USA, sondern natürlich auch uns hier in Österreich. Darum setze dich erst mit einem Thema tiefer auseinander, bevor du „der Welle“ auf Instagram und Co folgst. Versuche, verschiedene Stimmen zu hören, und bilde dir dann deine Meinung!

Das Thema Rassismus ist viel zu wichtig, um es mit ein paar Klicks in den sozialen Medien kurzfristig abzuhandeln! Nehmen wir die aktuellen Geschehnisse lieber zum Anlass, uns ehrlich und tiefgründig gemeinsam mit der Problematik auseinanderzusetzen.

Du wirst vielleicht jetzt einige Einwände haben. Niemand wird sich selbst als „rassistisch“ bezeichnen. Und doch ist Rassismus tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Rassismus bedeutet nicht nur, dass jemand Menschen anderer Hautfarbe diskriminiert; es bedeutet auch, dass wir von Privilegien profitieren, die uns selbst nicht bewusst sind, und dass wir unhinterfragt Zugang zu den Ressourcen unserer Gesellschaft haben, die anderen Menschen lebenslang verwehrt bleiben. Diese Dynamiken sollten wir uns bewusst machen, um den jahrhundertealten Kreislauf des Rassismus zu überwinden.

White privilege ist die Abwesenheit der negativen Folgen von Rassismus. Die Abwesenheit struktureller Diskriminierung, die Abwesenheit der Tatsache, dass deine Hautfarbe zuallererst als Problem gesehen wird, die Abwesenheit des ‚aufgrund meiner Hautfarbe ist es weniger wahrscheinlich, dass ich erfolgreich sein werde‘.“ ¹ So definiert die Journalistin Reni Eddo-Lodge den im englisch-sprachigen Raum bekannten Begriff „white privilege“. Es ist ein eigenständiges, jahrhundertealtes Problem, das die Unterdrückung von People of Color weiterhin fortschreibt.

Privilegiert zu sein bedeutet nicht, dass man nicht auch schwierige Situationen im Leben haben kann. Es gibt viele Arten von Diskriminierung, unter denen Frauen, Transgender, Angehörige von Religionsgemeinschaften, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung und andere marginalisierte Gruppen leiden.

Reni Eddo-Lodge schreibt weiter dazu: „Wenn ich über white privilege spreche, meine ich nicht, dass Weiße es einfach haben, dass sie nie kämpfen müssen oder nie in Armut leben. White privilege ist die Tatsache, dass deine Hautfarbe, wenn du weiß bist, den Verlauf deines Lebens mit großer Sicherheit positiv beeinflussen wird. Und du wirst es wahrscheinlich nicht einmal bemerken.“ ²

Wichtig zu wissen ist hier, dass es sich bei „Schwarz“, „weiß“ und „People of Color“ nicht um tatsächliche Hautfarben und biologische Gegebenheiten handelt, sondern um soziale und politische Kategorien, die durch Rassismus erzeugt wurden und weiterhin werden. „Schwarz“, „Indigen“ und „People of Color“ sind selbstgewählte politische Bezeichnungen. Dir wird in den letzten Tagen vielleicht der Begriff „BIPoC“ begegnet sein: Er bedeutet „Black, Indigenous and People of Color“ und ist ein Sammelbegriff für alle Menschen, die Rassismuserfahrungen machen. Schwarze und Indigene Menschen werden dabei explizit erwähnt, da sie aufgrund der Kolonialgeschichte oft andere Rassismuserfahrungen machen als andere People of Color. Aus diesem Grund werden „Schwarz“ und „Indigen“ groß geschrieben und das B und I im Sammelbegriff BIPoC extra gestellt.

Es wird viel innerer Arbeit benötigen, um uns dieser Dynamiken selbst bewusst zu werden und um wirklich eine aktiv antirassistische Haltung entwickeln und leben zu können. Wie fange ich an, wirst du jetzt vielleicht fragen.

Mach Menschen in deinem Umfeld auf die strukturellen Benachteiligungen der BIPoC aufmerksam!

Höre die Stimmen von BIPoC und hilf mit, sie sichtbar zu machen!

Und zuallererst: Bilde dich selbst weiter, lerne mehr über die komplexen Zusammenhänge!

 

¹ ² Die beiden Zitate in diesem Text stammen von der Journalistin Reni Eddo-Lodge, die für „The Guardian“ und „The New York Times“ schreibt. Die deutsche Erstauflage ihres Buches "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche" wurde 2019 veröffentlicht, und Auszüge daraus sind im Artikel „Ausgeschlossen vom Mensch-Sein“ in „Die Zeit“ erschienen: https://www.zeit.de/kultur/2019-01/rassismus-hautfarbe-weisse-white-privilege

 

Hier ist noch eine kleine beispielhafte Auswahl an Quellen, die uns zu mehr Verständnis verholfen haben:

Tupoka Ogette: https://www.instagram.com/tupoka.o/

Ihr Buch „Exit Racism“ ist als Hörbuch auf Spotify zu hören und gibt dir einen sehr guten Einstieg in das Thema.

Alice Hasters: https://www.instagram.com/alice_haruko/

In ihrem Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ erzählt Alice Hasters auf sehr persönliche Weise ihre Erfahrungen als Schwarze Frau im Deutschland von heute. Auch dieses Buch kann auf Spotify angehört werden.

 

Und eine Stimme aus Österreich:

Christl Clear: https://www.instagram.com/iamchristlclear/